GENIA LOCI – eine Rezension, eine Begeisterung und die Liebe zum Ort

Genia Loci ist mehr als nur der Titel des Romans von Anton Philipp. Es gibt einige Protagonisten, etwa den jungen Historiker Nino, der mit der Transkription eines barocken Manuskriptes beschäftigt ist. Oder, in jenem Manuskript, ein Jesuitenpater, der von den Geschehnissen in der Alservorstadt im Mai des Jahres 1723 in Ich-Form erzählt. Doch die eigentliche Protagonistin ist eben die titelgebende Genia Loci, nicht nur in Gestalt der geheimnisvollen Paula sowie der Gräfin Zenobia.

Genius/Genia Loci, die besondere Atmosphäre eines Ortes, das Wesen eines Ortes, der Zauber, der von einem Ort ausgeht. Durch topographische und historische Besonderheiten, durch die Geschichten, die Menschen, die mit einem Ort verbunden sind. Die „zerstäubten Reste“ (S. 305) im Stadtgefüge – materielle und immaterielle Bestandeile fügen sich ineinander. Die entstehenden Fugen geben der Phantasie Raum.

 „Aber unsere Genia Loci ist eine wirkliche Schutzgöttin, die zwar irgendwie mit der Genia locale, der Bande des Grätzels, verbandelt ist, sonst aber vor allem Möglichen beschützt, den speziellen Flair oder das eigentümliche Wesen eines Ortes oder einer Gegend verkörpert.“ (S. 180)

Ich stelle mir vor, dass unsere Genia Loci immer wieder auf Trivia trifft, die Göttin des Dreiweges und Beschützerin der Wegkreuzungen. Auf die Frage, woher sie einander kennen, bekommt Nino immer wieder die gleiche Antwort in Paulas rätselhaften Freundeskreis, die Bande des Grätzels: „unsere Wege haben sich gekreuzt im Lauf der Jahre“. Kreuzungspunkte, die örtlich und zeitlich einen weiten Raum öffnen. Schwellen und Übergänge zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen Vergangenen und Gegenwärtigen, zwischen Erträumten und Erlebten.

Was für ein Glück, einem Buch zu begegnen, das die eigene Herangehensweise an das Phänomen Stadt, ihr Gefüge, ihre Geschichte in romanhafter Form weitet und vertieft.

Die Stadt als Collage, als Montage – ein Prozess des Aufbauens, Zusammenfügens, Kombinierens, Verflechtens – aus unterschiedlichen Zeiten, Bedürfnissen, Sehnsüchten, Funktionen, aus Geträumtem, Geplantem und Gewachsenem. Die Stadt als Palimpsest, – der ursprüngliche Text immer wieder abgeschabt, abgewaschen und neu beschriftet. Der verborgene Subtext einer Stadt.

Hier setzt der Roman von Anton Philipp an, schon auf den ersten Seiten wird der Protagonist Nino mit seiner „Schwingungstheorie“ vorgestellt. „Alles einmal Geschehene würde Schwingungen im Äther hinterlassen und man müsste nur die Technologie erfinden, um diese wieder in Sichtbares umzuwandeln“. (S.11)

Der Roman besteht aus zwei Handlungsebenen, die in der Rossau/Alservorstadt/Lichtental spielen, „innig verflochten mit dem unsichtbaren Gewebe, mit der Geschichte dieser Vorstadt. (S. 339)

Zum einen das Manuskript aus der Barockzeit, dem jungen Historiker Nino von seinem Onkel übergeben, erzählt von einem Mord, den Vorstadtklüngeln rund um Claudius Innocentius du Paquier und den Anfängen des Wiener Porzellans, dubiosen Handel mit Schmuggelware für Naturalien-Sammler und ihre Kunstkammern. Zum anderen die Geschichte rund um diesen Text, seine Transkription, cyberkriminelle Machenschaften und Begegnungen im Herbst 2019.

Viele Erzählfäden sind miteinander verknüpft, dem lateinischen Wortursprung von Text folgend, texere, – verbinden, verweben, verknüpfen. Die Orte im 9. Bezirk, das Wiener Porzellan, die Kunst- und Wunderkammern zwischen Magie und Naturwissenschaft, die Arbeit an alten Texten, die Methoden der Textbearbeitung und der Sprachwissenschaft. So wie eine Hommage an Heimito von Doderers Roman „Die Strudlhofstiege“.

Was weitgehende literarische, historische und kunsthistorische Kenntnis erfordert, topografische Erkundungen, sorgfältige Recherchen und eine große Portion Topophilie (Ortsliebe, Ortsverbundenheit, ursprünglich von Gaston Bachelard für die Poetik des Raumes eingeführtes Konzept, das die persönliche Beziehung zu einem geliebten Ort bezeichnet).

Das Buch macht Lust, auf der Strudlhofstiege zu sitzen, die Liechtensteinstraße entlang zu flanieren, und die Porzellangasse zurück. Verborgene Bäche zu suchen, das blaue Einhorn und Paulas Garten. Alte Stadtpläne zu studieren, Tee aus Porzellantassen zu trinken und Toast mit Stachelbeermarmelade zu essen.

Anton Philipp, Genia Loci, Privatdruck, 2023
Für Buchbestellungen: philrevert@scheifling.cc

Kollektiv Seefrauen – das Manifest

Seefrauen lieben Zufälle. Zufälliges. Ihnen Zufallendes.
So geschehen auch mit Seebarn, einem Auftrittsort künftiger Seefrauen, wo zum zufällig entstandenen Seegarn glückliche Assoziationen kamen.
Seefrauen, Seegarn spinnend, Frauen sichtbar machend.
Später im Café Heumarkt, einem weiteren Auftrittsort, die Frage nach den See- oder Sehfrauen.
Das hatten sie nicht kommen sehen, es war ihnen zufällig ins Netz gegangen.

Spinnst du? Oh ja – immer wieder!

Wir sind in Teichen, Flüssen und Meeren geschwommen, schaumgeboren am Heumarkt, aufgezogen an der Wien, am Donaukanal, dem Donaufluss, an der Alten Donau,

sind gegen den Strom geschwommen und aus dem Netz der Meinungen ausgebrochen.

Wir garnen und zwirnen
legen Fäden in allen Farben
in Labyrinthe und wieder heraus
wider die zweifelhaften Heldenerzählungen

Wir knüpfen ein neues Netz miteinander, untereinander,
laden ein zum Vernetzen:

Seefrauen aller Meere! Schwimmt und vereinigt euch
zu neuen Möglichkeiten! Bildet Kollektive!

Sehfrauen, schaut über den Horizont, streckt die Hände aus
nach denen, die gegen das Untergehen kämpfen …

nach denen, die ihrer Unsichtbarkeit entrinnen, die sich zeigen wollen, gesehen werden sollen  die ihre Gedanken als Flaschenpost verschicken, die anknüpfen am Seefrauengarn, weiter weben wollen am Stoff, an dem Frauen-Generationen gewebt haben,

ihn sich neu zuschneiden, umschneidern, anpassen, anverwandeln, weiterwickeln und entwickeln, die assoziieren, montieren und monieren

Lasst euch umgarnen und verweben, vernetzen und verbinden

von

Brigitta Höpler, der Raumgeberin und Stadtverknüpferin

Beatrice Simonsen, der Kunst-Natur- und Literaturwirkerin

Karin Seidner, der Seelen- und See/Sehfrauenwerkerin

Seefrauen am Wienfluss, Mai und Oktober 2024
Seefrauengarn, 25 Jahre grauenfruppe, Oktober 2021

Stadtpalimpsest

Palimpsest, im Mittelalter eine beschriebene Manuskripseite, abgeschabt, gewaschen und immer wieder neu beschrieben. Reste der gelöschten Schichten bleiben zum Teil sichtbar, erahnbar.

Der Brennessel, Hillary und ich

Im Juli 2016 haben Hillary Keel (18. Juli 1959 bis 27. Oktober 2022) und ich mit anderen am Sommerworkshop des BÖS teilgenommen. Geleitet hat ihn Sophie Reyer, geschrieben haben wir rund um die Almhütte von Gertrude Moser-Wagner. Wir haben den ganzen Tag geschrieben, frühabends waren wir im Fischteich schwimmen, spätabends haben wir im Frühstücksraum unserer Unterkunft Murauer getrunken, Hirschwurst gegessen und geredet, als hätten wir untertags noch nicht genug Worte gesucht, gefunden und ausgetauscht.

Hillary und ich haben, unabhängig voneinander, über die Brennessel geschrieben.
Da kannten wir beide das Lied Brennesseln von Buntspecht noch nicht „und alle wollen Rosen, wollen Tulpen frisch gepflückt, aber am herrlichsten sind Brennessel, nackt an die Brust gedrückt“.

Hillary und ich wollten noch etwas machen mit unseren Texten, mit den Brennesseln. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Nach 8 Jahren habe ich jetzt unsere Texte zu einem verwoben.

Hier wuchs einmal Brennessel,
eine Menge Brennessel,
der die Scheune,
die einmal hier stand,
überwuchs.

der Brennessel
die Brennessel
der Brennessel
die Brennessel

sie ist
er war
sie sind

Der Brennessel als Schutz,
als Zeichen der Wildnis,
der Ungefplegtheit,
der Überwucherung.

Der nicht aufzuhaltende Brennessel war hier.

Der Brennessel,
der einmal hier gedieh,
der die Menschen,
die einmal hier weilten,
irritierte, brannte
und wucherte dann so aus,
dass die Menschen ihn
zu respektieren lernten.

Es entstand in ihnen eine gewisse Ehrfurcht.
Dann pflegten sie das nicht zu pflegende,
das Ungepflogene pflogen sie.

sie wachsen und blühen
sie brennen und jucken
sie schützen und bergen
sie heilen und klären
sie färben und düngen
sie wirken und wuchern

die Brennessel
der Brennessel  

Die Salonage

Der Salon ist männlich, die Salonage weiblich.

Salonage klingt nach Bagage.
Nach lustvollem Feiern, Zusammenhalten und Ausprobieren.

Klingt nach Montage und Collage.
Die Dinge durcheinander bringen und neu zusammensetzen.
Die Realität, die Möglichkeiten, Träume, Wünsche und Notwendigkeiten kunterbunt vermischen.
Das Fragmentarische schätzen und pflegen.
Die Lücken lieben, die Risse aushalten.

Zwischenräume und Experimente vom Glück.
So etwas wie ein Leo, ein Raum wo wir nicht „abgeschlagen“ werden können.

Meine viele Jahre lang gefeierten Frauenabende am 8. März spielen mit hinein. Wir haben im geschützten Raum kleine private Lesungen, Ausstellungen, Konzerte ausprobiert, mit viel Verbundenheit, Solidarität und Ermutigung.  

Der Hagebuttenhimmel der Künstlerin Erika Kronabitter spielt mit hinein, entstanden aus der idee, in einem kleinen privaten raum fast in der baumkrone einer linde und eines kastanienbaumes kleine präsentationsräume zu schaffen für autorInnen, musikerInnen, video- und andere künstlerInnen mit der idee, in fünfminuten-vorträgen kunst und literatur zu präsentieren und anderen (nichtkünstlerInnen) vorzustellen, diese zu vernetzen. Dies alles beim gemeinsamen essen, trinken und plaudern und der freude, sich vielleicht wieder zu treffen

In Berlin hat die Autorin Isobel Markus im Literaturhaus Lettrétage das Format der Berliner Salonage geschaffen. Unabhängig voneinander haben wir den Begriff „Salonage“ kreiert, sie aus der Lettrétage, ich aus der Montage/Collage.

In Dénia, Spanien, betreibt die Autorin Daniela Gerlach einen Salon, la ñ, ein Kulturzimmer in der Tradition der europäischen Salons. Hier finden Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, Mini-Performance, Musik und Aktionen statt.
Wir haben einander rund um das Café Entropy kennengelernt, Daniela hat im Frühling ein Wochenende in der Salonage gewohnt,

Lasst uns viele solche Räume schaffen und vernetzen!
Lasst uns einander Leo sein!

Bisherige Salonagen:

31. August 2021. Ich sehe den Bäumen die Stürme an. Sonja Knoll liest aus ihrem Buch „Es gibt nur deinen Weg“ und zeigt Collagen.

9. September 2022. Echo. Recherchen, Prozesse, Geschichten von Anja Stejskal und Brigitta Höpler.

24. November 2022. Von Mondhasen und anderen Geistern. Lesung von Johanna Hansen und Ulrike Schrimpf. Farbige Drucke auf Aquarellpapier von Johanna Hansen.

25. April 2023. Vom geziegelten Terassenheft in die Filmrolle. Lesung Katharina Ingrid Godler aus dem Gedichtband „Die Filmstadt am Rande der Kindheit“.

13. November 2023. Die Karten auf den Tisch legen. Arbeiten von Michaela Gebert-Lange.

13. Juni 2024. Sehnsucht nach Menschlichkeit. Fotografien von Michael Heiss, Texte von Brigitta Höpler.

Brach liegen

Mein Gedicht „Brach liegen“ ist heute Gedicht des Tages in der Poesiegalerie. Für die Reihe Boulevardverdichtungen verdichte ich jeweils eine Nummer der Boulevardzeitung AUGUSTIN auf ein paar Zeilen.

Weit weit weg

Zwei Karyatiden in fließenden Gewändern, links und rechts des Eingangsportals, tragen den Mauergiebel. Von Männern erschaffen, das Haus zu halten, an das Mauerwerk gebunden und nach griechischen Tänzerinnen benannt.

Sollten schweres Gebälk, Balkone und Portale tragen, mit Leichtigkeit und Eleganz. Als Stütze des Hauses Erotik ausstrahlen und nicht Last. Stets ein freudvoller Anblick sein. Jahrhundertelang.

So würde es wohl auch weiter gehen, wären sie nicht aufgebrochen aus ihrem Haushalterinnendasein. Ohne zurückzublicken, ohne Sorge, ob das Haus …

Erste Schritte in dünnen Sandalen, bald barfuß, leichtfüssig die Strudlhofstiege hinunter, eine mäandernde Stiege, steingewordene Einladung zum Flanieren und Verweilen.
Unter dem Asphalt liegt der Strand.

Weg gehen.

(Weit weit weg, Lied von Yasmo und die Klangkantine, 2011
Unter dem Asphalt liegt der Strand, Slogan aus der 68er Bewegung, Name einer anarchistischen Zeitschrift, Titel eines Films von Helena Sanders Brahms
Die beiden Karyatiden stehen am Haus Strudlhofgasse 19, 1090 Wien
)

Foto Sonja Knoll

Dezemberwienflanerie etc.magazin

In meiner neuen Wienflanerie „Auf der Suche nach den verlorenen Frauen – Wien am Wasser Teil 3“ geht es um die kaum vorhandenen Frauendenkmäler im Stadtpark, um die Skulptur für Lucia Westerguard der Künstlerin Carola Dertnig, um den Elfriede Gerstl Steg, das Donauweibchen und vieles mehr.

Biografische Einschreibungen in Wiener Kaffeehäuser

Meine Biografie könnte ich – wie wahrscheinlich viele Menschen in Wien – in großen Teilen entlang von Kaffeehäusern erzählen.

Der Schriftsteller Herbert J. Wimmer entwirft im Gedicht „café gerstl“ ein Gesprächsnetz mit Elfriede Gerstl „im café-gedicht als mindmap einer kommunikation und ihrer verteilung über die stadt der gesprächsorte mit elfriede erscheinen cafés die es noch gibt und solche die es nicht mehr gibt im stadtzeitraum von sechsunddreissig jahren.“ (Herbert J. Wimmer, Ganze Teile, Gedichte, Klever Literatur, Wien, 2010, Seite 118 – 120) Eine Auflistung vorhandener und verschwundener Cafés …

Ich weiß nicht mehr, welches mein erstes Café war, aber die stärkste Erinnerung ist das verrauchte Hawelka, mit sechzehn, ein Ort, der mir schnell die Illusion von „erwachsen sein“ gab, auch wenn ich die Mokkatasse halb mit Zucker füllte.

Wie ich übrigens danach noch in vielen weiteren Cafés in vielen Städten in unterschiedlichen Lebensphasen etwas darstellen wollte, in glücklichen Augenblicken fiel Schein und Sein zusammen.

Schule habe ich im Tirolerhof und Tanzschule im Bräunerhof geschwänzt. Die Schulmessen haben wir im Café Eos verbracht, vor dem ausdrücklich gewarnt wurde. Das Studium brachte weitere Cafés, das Salzgries, die Cafeteria am Dach des NIG und das Café Stein, für hektisches Lernen knapp vor den Prüfungen. Im Café Eiles waren die Redaktionssitzungen des „Kunsthistoriker aktuell“, ausgedehnt bis in die Nacht die Abende im Café Engländer und zeitlos die Schreibvormittage im Café Heumarkt.

Rauchend und mit Liebeskummer in einem längst verschwundenen Tschocherl im 1. Bezirk.

Nicht nur in diesem Fall waren Kaffeehausfluchten notwendig für mich, not-wendend.

Ich arbeite zu Hause und mein Schreibtisch stand in der Mitte der Wohnung, ohne dass ich eine Tür schließen könnte. Genauso wollte ich es – mitten aus meinem Leben „mit Kindern und allem“ heraus arbeiten und schreiben. Ein Blatt Papier als Raum für mich alleine war genug, ich fühlte mich unabhängig und frei von Forderungen nach „einem Zimmer für mich alleine“ (Virginia Woolf). An guten Tagen. An schlechten Tagen war das schnell ganz anders und ich bin ins Kaffeehaus geflüchtet.

Sehr vermisste Cafés


Salzgries
Radlager
Milchbart
MAK-Café

Sehr geliebte Cafés


Jelinek
Heumarkt
Korb
phil
Menta
Rüdigerhof
Goldegg
AIDA Wollzeile

Manchmal besuchte Cafés


Eiles
Prückel
Engländer
Sperl

15. Juli 2015, Radlager, Operngasse, 1040 Wien


Orange-gelb gestreifte Markise gespiegelt im Wasserglas, 
im Raum stehende Luft, rinnende Tropfen von der Brust
bis zum Nabel, nicht sichtbar auf dem schwarzen Kleid,
zu heiß für diesen Tag, wie der Espresso in der weißen Tasse.
Im Kopf dreht sich die im Vorbeifahren gehörte Liedzeile
36 Grad und es wird noch heißer … beunruhigende Wahrheit
an diesem Tag.

16. Jänner 2016, Cafe Menta, 1030 Wien


Wie auf Reisen leben, Kaffee trinken und schreiben, abtauchen in meine Worte und wieder auftauchen. Für Augenblicke das Gefühl, ganz woanders zu sein. „Ich kann nicht alle komplizierten Leute aus dem 2. Bezirk nehmen“, höre ich eine Frau sagen und bin zurück in Wien. Vor den großen Fenstern kurven die Straßen und Bahnen hin und her, ziehen ihre Linien. Auch kein unbeschriebenes Blatt, dieser Platz in der Nähe des Wassers. Wie die meisten Orte in Wien, denke ich. Und möchte schon wieder abtauchen. „Nichts ist für die Ewigkeit“, sagt gerade die Frau am Nebentisch.

29. Oktober 2020, Cafe Heumarkt, 1030 Wien


Der Klang der Kühlvitrine. Das Rütteln vor der Stille. Um nach einer Weile wieder zu brummen.
Der Ofen und die Säule.
Die Billardtische.
Drei wechselnde Spiegelbilder golden gerahmt.
Die roten Kunstlederbänke, die Risse geklebt.
Hier habe ich geschrieben, stundenlang.
Hier haben wir Lesungen geplant und auch welche veranstaltet.
Hier bin ich nach Konzerten gesessen.
Hier gibt es Hirn mit Ei und gebackene Champignons.
Hier sind vor sechzig Jahren Liebende gesessen, nachmittaglang bei einem Glas Milch, auf der Suche nach Verstecken.
An den Kleiderständern hängt Vergessenes aller Art.
Hier bin ich im Leo, kurz aus dem Spiel, in Sicherheit.

19. Mai 2021, Cafe Goldegg, 1040 Wien

Ich sitze im Goldegg seit endlich wieder.
Dort wo monatelang das Skelett am Fenster.
Habe Herzklopfen vor Freude und nichts zu schreiben.
Finde einen Kugelschreiber, die Rückseite des negativen Ergebnisprotokolls.
Trinke weißen Spritzer. Feiere.
Die Gesprächsfetzen im Raum,
und Glückspartikel,
der Klang der Kühlvitrine,
und der Espressomaschine.

Als ob immer.