Der Brennessel, Hillary und ich
Im Juli 2016 haben Hillary Keel (18. Juli 1959 bis 27. Oktober 2022) und ich mit anderen am Sommerworkshop des BÖS teilgenommen. Geleitet hat ihn Sophie Reyer, geschrieben haben wir rund um die Almhütte von Gertrude Moser-Wagner. Wir haben den ganzen Tag geschrieben, frühabends waren wir im Fischteich schwimmen, spätabends haben wir im Frühstücksraum unserer Unterkunft Murauer getrunken, Hirschwurst gegessen und geredet, als hätten wir untertags noch nicht genug Worte gesucht, gefunden und ausgetauscht.
Hillary und ich haben, unabhängig voneinander, über die Brennessel geschrieben.
Da kannten wir beide das Lied Brennesseln von Buntspecht noch nicht „und alle wollen Rosen, wollen Tulpen frisch gepflückt, aber am herrlichsten sind Brennessel, nackt an die Brust gedrückt“.
Hillary und ich wollten noch etwas machen mit unseren Texten, mit den Brennesseln. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Nach 8 Jahren habe ich jetzt unsere Texte zu einem verwoben.
Hier wuchs einmal Brennessel,
eine Menge Brennessel,
der die Scheune,
die einmal hier stand,
überwuchs.
der Brennessel
die Brennessel
der Brennessel
die Brennessel
sie ist
er war
sie sind
Der Brennessel als Schutz,
als Zeichen der Wildnis,
der Ungefplegtheit,
der Überwucherung.
Der nicht aufzuhaltende Brennessel war hier.
Der Brennessel,
der einmal hier gedieh,
der die Menschen,
die einmal hier weilten,
irritierte, brannte
und wucherte dann so aus,
dass die Menschen ihn
zu respektieren lernten.
Es entstand in ihnen eine gewisse Ehrfurcht.
Dann pflegten sie das nicht zu pflegende,
das Ungepflogene pflogen sie.
sie wachsen und blühen
sie brennen und jucken
sie schützen und bergen
sie heilen und klären
sie färben und düngen
sie wirken und wuchern
die Brennessel
der Brennessel


